Weihnachtsgeschichte von Isabel Lipthay

Isabel Lipthay habe ich Euch bereits vorgestellt. Sie ist Autorin, Journalistin und Sängerin aus Chile und lebt seit 1983 in Münster. Hier eine Kostprobe aus Ihrem Buch "Seltsame Pflanzen". Auch wenn Weihnachten gerade vorbei ist, kann man sich noch gut in Isabels Situation hineindenken.

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

I

Ein paar Tage vor Weihnachten stand er plötzlich vor meiner WG Tür. Mit starkem Akzent sagte er auf Spanisch:

„Hallo Isabel. Ich bin Alonso und komme gerade aus Argentinien. Pedro hat mir deine Adresse gegeben. Sag mir: was ist Deutschland? Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“ Ich mußte lachen. Noch nie hatte sich jemand so vorgestellt. In diesem Moment begann eine Freundschaft, die sich in all den Jahren bis heute gehalten hat, und die auch unsere Geliebten und Kinder miteinbezieht.

Alonso kam mit einem Freund nach Deutschland, der aus Liebesgründen gereist war. Ich ging mit beiden zur nächsten Pommesbude und dort schrieb ich auf eine Serviette: „Por favor: bitte. Quiero: ich möchte. Papas fritas: Pommes. Mayonesa: Majo. Salchicha: Wurst. Coca Cola: Cola. Gracias: Danke.“ Sie haben allein bestellt. Da waren sie stolz! Der erste Deutschunterricht hatte schon was gebracht. Zumindest konnten sie eine Weile überleben.

II

In meiner Frauen-WG herrschte Chaos. Die Wohnung roch nach Duschgel, Shampoo, Parfüm, neuen Klamotten, Schminke... Alle drei Frauen liefen mit Scheren, Schleifen, Geschenkpapier und Tesafilm in der Gegend rum. Alle wollten ganz eilig zu ihren Eltern nach Hause, außerhalb von Münster. Nur ich stand ziellos da. Ich war die einzige ohne Zuhause. Oder besser  gesagt, diese Wände waren mein Zuhause. Chile, mein Land, lag sechs Tage Weihnachtspost entfernt.

Schnelle Umarmungen, schöne Grüße, eilige Schritte die Treppe runter... und auf einmal war die Wohnung still. Es war schon dunkel. Ich ging in die Küche, um mit einem heißen Tee die Traurigkeit zu verscheuchen. Überraschung! Ein Gebirge von dreckigem Geschirr wartete in der Spüle auf mich, wenn ich meinen heißen Tee noch haben wollte...

Draußen leuchtete ein Baum mit den traditionellen Weihnachtslichtern und die Glocken, die blöden münsterschen Glocken fingen an zu läuten. Ich hatte mich nie in meinem Leben so verlassen, einsam, traurig gefühlt wie in diesem Moment. Die Tränen tropften auf das Spülwasser runter und mischten sich mit dem Fett, den Tellern, den klebrigen Töpfen. Ich war so wütend! Weihnachten in Deutschland!

Mit schrubbeligen Händen – wenigstens waren sie warm! – trank ich meinen Tee und dachte an den Sommer in Chile, die schwitzenden Weihnachtsmänner bei 35 Grad im Schatten, die Freunde, die bestimmt immer noch in den überfüllten Läden auf die letzte Sekunde ihre Geschenke kauften. Santiago: rappelvoll von Straßenhändlern, Dieben, Polizisten, Bettlern, Straßenkindern, Diktatur, Beamten, die mit Krawatten und gebügelten Hosen rumliefen. Und Smog. Viel Smog, Lärm und Hitze...

Oh! Das Telefon. Wer könnte es sein? Juan Carlos, aus dem Krankenhaus. Seine Frau María hat gerade ein Kind geboren. Ich muß sofort kommen! Ja, es geht allen gut, nur müde, natürlich. Aber komm!

Ein bißchen ängstlich rufe ich Alonso an. Wer ist heute Abend schon zu Hause, oder nicht verabredet? Bestimmt nur ich auf der ganzen Welt, denke ich. Aber jetzt nicht mehr! Ein warmes Gefühl läßt sich in meinem Bauch nieder. Alonso sagt „Hallo! Ja, natürlich fahren wir dahin! Sofort! Ich muß nur noch meine Luftpumpe holen. Mein Rad ist nicht ganz in Ordnung. Ja, vor der Eingangstür!“

Es ist kalt, dunkel, es gibt nicht mal Schnee. Aber jetzt ist mir alles egal. Das Rad fährt einsam durch die glatten Straßen. Ein eisiger Wind bläst mir ins Gesicht. Viele Fenster sind mit Lichterketten dekoriert und es weihnachtet ziemlich.

Im Krankenhaus ist alles still, warm, gemütlich. Alonso wartet mit einer Flasche Wein in der Hand. In meiner Tasche habe ich Plätzchen. So begegnen wir Juan Carlos, María und dem Kind, mit zärtlichen, stillen Umarmungen, damit die anderen Frauen und Babys im Zimmer nicht wach werden. Wir sitzen alle um das Bett von María und dem Kind, das gerade an der Brust trinkt. Dann essen wir gemeinsam Plätzchen. Mit den Krümeln passen wir schon auf.

WG:Wohnungsgemeinschaft

Münster,den 6.12.94

Aus: „Seltsame Pflanzen“, Isabel Lipthay, Unrast Verlag, Münster, 1995

Hörprobe

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