Über den Dächern von Münster – zu Besuch bei der Türmerin

Türmerin – Wer oder was ist das?

Kennen Sie den Beruf einer Türmerin? Ich vermute, eher nicht, es sei denn, Sie kommen aus Münster. Matje Salje wusste auch nicht so wirklich, was sie erwartete, als sie vor über zwei Jahren ihren Job als Türmerin in Münster antrat. Das was sie ahnte war: „Das wird mein Traumjob“. Seit dem bewacht sie tagein tagaus ausgesprochen pflichtbewusst und mit viel Freude unser beschauliches Städtchen vom Lamberti Kirchturm aus. Eigentlich war dieser Job seit dem 14 Jahrhundert Männern vorbehalten. Die Aufgabe eines Türmers war es früher, vor herannahenden Feinden und Bränden zu warnen. Außerdem wurde noch bis in den 80er Jahre hinein von 21 – 6 h morgens das Horn geblasen und zu besonderen Anlässen die Ratsglocke geläutet.

Den besten Ruf genossen Türmer im Mittelalter nicht. Orgien mit Weibern wurden ihnen nachgesagt und nächtliche Saufgelage. Auch mit ihrem Pflichtbewusstsein war es im Mittelalter nicht immer zum Besten bestellt. So verpennten sie auch mal ihre Türmeraufgaben und ließen ihren Unflat vom Kirchturm herabfallen. Aber das ist längst Vergangenheit.

Martje Salje entspricht so gar nicht dem Bild eines Türmers. Auch ihr Aufgabenspektrum hat sich der heutigen Zeit angepasst. Die neue Türmerin ist jung, spritzig, kommunikativ und gut aussehend. Gemeinsam mit einigen ihrer Vorgänger hat sie die musische  Ader und anders als viele ihrer Altersgenossinnen liebt sie ebenfalls die ruhigen Stunden über den Dächern von Münster.

 

1968: Abenteuer Lamberti-Kirchturm

Ich selber habe ebenfalls eine besondere Beziehung zum Lamberti-Kirchturm, denn ich habe in jungen Jahren schon zwei Mal den Vor-Vorgänger von Martje auf dem Turm in seiner Stube besucht.

Das erste Mal bestieg ich ihn mit meiner geliebten Grundschullehrerin Frau Gausebeck und den Klassenkameraden aus der 3 Klasse 1968. Der Besuch beim Türmer Roland Mehring hinterließ bleibenden Eindruck bei mir. Schon der Aufstieg auf den Turm war ein Erlebnis. Ganz geheuer war mir damals nicht, denn ich hatte Höhenangst und auch Enge lässt noch heute in mir Unbehagen aufsteigen. Aber als wir dann die 300 Stufen erklommen hatten, wurde ich entschädigt. Der Türmer empfing uns in seiner gemütlichen kleinen Stube. Sie war ausgestattet mit einer Liege, einem Tisch, Stühlen und Regalen voller Bücher.  Auf der Liege entspannte sich der Türmer zwischen 21 und 6 h morgens,  an dem Tisch las er Bücher oder schrieb Gedichte.  Sehr eindrucksvoll war auch das lange Horn des Türmers mit dem er alle halbe Stunde neun Stunden lang in 3 Himmelsrichtungen blies.

In meinem Schreibtisch stieß ich auf ein altes Heimatkundeheft, in dem ich damals einen Aufsatz und eine Zeichnung dieses spannenden Morgens  hinterließ.

Aufsatz Türmer_bearb_1969_Dorothea_Linnenbrink (Small)

 

1979: Einmal Türmerin sein

Elf Jahre später, 1979, rückte der Lambertiturm wieder in meinen Fokus. Eine Freundin von mir sollte den Türmer in seinem Urlaub vertreten. Sie bat mich, mit auf den Turm zu kommen. Ich zögerte nicht lange. So ein Abenteuer erlebt man schließlich nicht alle Tage. Trotz Abi-Stress verbrachte ich mit ihr einige Tage in der Türmerstube als „Ersatzvertretungstürmerin“. Wir hatten vor, in der Nacht zwischen 21 und 6 h morgens, neben unserem Dienst, fürs Abi zu lernen. Aber daraus wurde nicht viel. Die Liege in der Stube war zu verführerisch. So ließen wir auch schon mal die ein oder andere Tut-Runde ausfallen. Insgesamt hat es viel Spaß gemacht, aber nach einer Woche war der Reiz verblasst. Jeden Tag 300 Stufen steigen, die ganze Nacht arbeiten, das war damals nicht mein Traumjob.

 

2016: Verabredung mit Martje Salje, der heutigen Türmerin

Martje Salje hat es da schon besser. Ihre Arbeitszeiten liegen zwischen 20.30 h und 0.30 h. Am Dienstag darf sie ausruhen. Auch der Inhalt des Türmerjobs hat sich mit ihr deutlich verändert. Am 28.06.2016. durfte ich die Türmerin auf „ihren“ Turm begleiten.

Um 20.30 h verabredeten Martje und ich uns vor dem Eingang des Turms. Ich hatte etwas Sorge, weil es am Morgen noch heftig gewittert hatte und weitere Gewitter angesagt waren. Auch meine Höhenangst hat sich noch nicht gelegt. Aber gegen 20 h kündigte meine Wetterapp für die kommenden zwei Stunden ruhiges Wetter an. So fuhr ich beruhigt zum Prinzipalmarkt. Dort wartete Martje bereits mit einem Stift in der Hand. Alle prominenten Turmbesucher hätten sich bereits auf Ihrem Quitmann-Fahrrad verewigt. Nun sei ich an der Reihe ;)

 

300 Stufen bis zur Türmerinnenstube

Dann gings durch den engen Gang die 300 Stufen hinauf. Inzwischen war ich 37 Jahre älter seit dem letzten Aufstieg, aber ich schlug mich ganz prima, zumal Martje mir drei Pausen gönnte – eine nach 59 Stufen beim Zugang zur Orgel, die zweite unterhalb des Glockenstuhls und die dritte auf der Ebene, wo sich die Rats- und Brandglocke und die originalen Käfige der sogenannten Wiedertäufer befanden.  Ihre Leichen wurden 1536 in eisernen Körben am Turm der Lambertikirche aufgehängt zur Schau gestellt, „dass sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten“. Bei dem Anblick der Käfige bekam ich schon etwas Gänsehaut. Die  grausame Geschichte der drei Aufmüpfigen erschien vor meinem inneren Auge. Nach einer kurzen Pause ging es hoch zur Türmerinnen-Stube.

 

Dienstbeginn auf dem Lamberti-Kirchturm

Die Türmerin von Lamberti (Small)Sie hatte sich nicht sonderlich verändert. Was mir jedoch sofort auffiel - die Liege fehlte. Schließlich wurden die letzten sechs Türmerstunden wegrationalisiert, sodass ein Nickerchen heute nicht mehr nötig ist. Die erste Aufgabe bei Dienstantritt ist es die Feuerwehr zu benachrichtigen, nach dem Motto: „Hallo, ich trete meinen Dienst an, alles ist in Ordnung“. Dann wird alle halbe Stunde von 21 – 24 h ins Horn geblasen in 3 Himmelsrichtungen. Aber auch die Ausschau nach Feuer gehört noch zur Aufgabe von Martje. Tatsächlich hat die aufmerksame Türmerin schon zwei Mal ein Feuer entdeckt und konnte so Schlimmes verhindern.

 

Martje Salje plaudert aus dem Nähkästchen

Nach dem ersten Tuten setzten wir uns an den kleinen runden Tisch. Martje bot mir einen Türmerinnentee an, speziell gemischt von einem Freund, mit rauchigem Geschmack. Tatsächlich versetzte er mich in Mittelalterstimmung. Ich hatte Martje, ohne es vorher zu wissen, passend zum Türmerinnentee ein Türmerinnen-Futter mitgebracht mit Ihren Lieblingsfrüchten. Bei gemütlicher Stimmung tauschten wir uns über das Türmerinnen-Dasein aus. Ich erzählte von meinem damaligen Erlebnis auf dem Turm und sie verriet mir, wie sie dazu kam so einen „exotischen Beruf“ zu wählen.

Martje ist keine Mainstream-Frau. Beim Tee lauschte ich zwischen den Tutrunden ihren Erzählungen. Ihre Kindheit verbrachte sie mit Ihrer Familie in Norwegen. Ihr musikalisches Talent wurde von den Eltern früh erkannt und so erlernte sie in jungen Jahren bereits Klavier, Gitarre und Renaissancelaute. Zurück in Deutschland, studierte sie nach dem Abitur Lehramt in Oldenburg. Im Laufe der Jahre wurde ihr bewusst, dass der Schuldienst in dem heutigen Schulsystem nicht ihrer Berufung entspricht. Sie wechselte zum Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Dort arbeitete sie einige Jahre und machte dann ihr geliebtes Hobby zum Beruf. Schon während ihres Studiums trat sie mit verschiedenen Musik-Bands öffentlich auf. Von 2000 – 2012 h tourte sie dann u.a. mit der Folk- und Rockband LackOf Limits durch Europa und die USA.

 

Möchten Sie berühmt werden?  Türmer gesucht

Blick auf den Prinzipalmarkt (Small)Das Künstlerleben war spannend aber auch sehr unruhig und unsicher. So fing Martje Salje mit Anfang 30 an, sich umzuorientieren. Sie sehnte sich nach mehr Regelmäßigkeit und Sicherheit und stöberte im Netz nach einem neuen Job. 2013 entdeckte sie die außergewöhnliche Stellenanzeige von Münster Marketing mit der Überschrift: „Möchten Sie berühmt werden“. Die Stadt suchte einen Nachfolger für den damals aus Altersgründen ausscheidenden Türmer. Sofort dachte sie: „Das will ich machen“. Unter 46 Bewerbern zog sie als eine von 6 Frauen das Los und trat am 1.1.2014 ihren Job auf dem Lambertiturm an.

Zu ihren Aufgaben zählen neben dem Tuten und Ausschau halten heute in erster Linie Social Media wie Facebook und Blog schreiben. Martje hält Vorträge und führt die Presse und andere Medienvertreter durch ihr Reich. Für die Öffentlichkeit ist der Turm heute leider nicht mehr zugänglich. Außerdem ist sie in regem Kontakt mit den wenigen noch existierenden Türmern Deutschlands und schreibt an einem Buch. Besonders gewissenhaft ist die Türmerin ebenfalls. Während des Jahrhundert-Unwetters vor 2 Jahren blieb sie tapfer oben auf dem Turm und erlebte, wie der Blitz dort einschlug. Ich wäre sofort die Treppe hinunter gerannt und hätte den Turm so schnell wie möglich verlassen ;)

 

Martje Salje – eine Türmerin mit Leidenschaft

Inzwischen ist Martje Salje eine Persönlichkeit in Münster und als Botschafterin nicht mehr wegzudenken. Wir Münsteraner sind stolz auf sie. Nach zwei Dienstjahren bereut sie es keineswegs diesen Job angenommen zu haben. Martje Salje liebt ihren Job, das Ritual, die Stille auf dem Turm, die Menschen, die ihr von unten hoch rufen, die alte Dame vom Tibusstift, die ihr allabendlich zuwinkt. „Ich hoffe, den Job noch bis zu meiner Pensionierung ausführen zu können“, wünscht sich die junge Türmerin und ich wünsche es ihr ebenfalls, denn ich kann mir keine(n) Bessere(n) für diese Aufgabe vorstellen  :-)

 

Türmerinnenfutter (Small)Inhalt des Türmerinnen-Futters

Aprikosen bio, wilde Aprikosen bio, blanchierte Mandeln bio, Walnusskerne bio, grüne Rosinen bio

Aus dem Türmerinnen-Blog

Martje hat ebenfalls einen schönen Artikel über unser Treffen in Ihren Türmerinnenblog geschrieben:

Nuss und Tee – ein besonderes Gipfel-, ähm Turmtreffen!

 

 

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