Westfälischer Kiepenkerl trifft auf persischen Händler

Herr Kleingräber am 6.8.17

Münsterländer Origniale gibt es leider nicht mehr viele - sicher eine der nicht so schönen Folgen der Globalisierung. Umso mehr freuen wir uns, hier im Nussblog Josef Kleingräber, einen ganz besonderen Westfalen, vorzustellen. Herr Kleingräber ist der Vater meiner alten Studienfreundin Gerlinde. Endlich habe ich es kürzlich geschafft, Herrn Kleingräber und seine Töchter zu uns einzuladen, um mehr aus seinem Leben zu erfahren und ihn noch einmal als Kiepenkerl* zu erleben. Ich habe ein paar Szenen mit ihm per Handy aufgenommen und werde sie nach und nach im Nussblog veröffentlichen.

Josef Kleingräber brachte es durch seinen drögen, echt westfälischen Humor und seine sympathische, originelle Art, westfälische Geschichten zu erzählen, zum „Vorzeige-Kiepenkerl“, so nannte ihn die hiesige Lokalpresse. Mit 85 Jahren wurde ihm die silberne Verdienstmedaille verliehen für seinen jahrzehntelangen, außergewöhnlichen Einsatz für die westfälische Kultur- und Heimatpflege.

Über seinen Weg dahin erzählte er uns bei Kaffee und Kuchen und einem echt westfälischen Schnäpsken.

Josef Kleingräber wurde am 9.3.1929 in dem westfälischen Dorf Albachten bei Münster geboren. Wie damals auch in vielen anderen münsterländer Familien wurde zu Hause nur platt gekürt. „In der Grundschule“, so sagt Josef Kleingräber, „habe ich dann meine erste Fremdsprache gelernt. Und das war Hochdeutsch.“ Er erinnert sich gern an seine Jugend, die er in vollen Zügen genoss. Nicht selten machte er mit seinem Bruder die Gegend unsicher ;) Mitte 20 fand er Hildegard, seine Frau fürs Leben. 1956 heirateten die beiden und kurze Zeit später machten die Töchter Hiltrud und Gerlinde das Familienglück perfekt. Die Kleingräbers bauten ein Haus am Rande von Münster und lebten dort glücklich und zufrieden.

Auch Frau Kleingräber, die leider vor einigen Jahren verstorben ist, hatte einen wunderbaren Humor. Sie konnte ihr Gegenüber veräppeln, ohne mit der Wimper zu zucken. Nur ihr leicht verschmitzter Blick ließ erahnen, dass sie etwas im Schilde führte. Eine Begebenheit mit ihr werden wir nie vergessen. Vor ca. 30 Jahren meldete sich Frau Kleingräber auf eine Zeitungsanzeige von uns. Wir wollten einen Kleiderschrank verkaufen und Frau Kleingräber fragte Jalalledin am Telefon, ohne sich zu erkennen zu geben: „Ist der Kleiderschrank denn auch wohl so groß, dass ich meinen Liebhaber darin verstecken kann ;) Jalalledin verschlug es die Sprache. Erst später erfuhren wir, wer diese Interessentin war.

Wir haben uns immer sehr wohl gefühlt im Hause Kleingräber. Für Jalalledin waren die Kleingräbers seine deutsche Familie. Gerlindes Eltern haben ihn sofort in ihr Herz geschlossen und auch die Familie aus dem Iran immer zu sich eingeladen, wenn sie in Münster zu Besuch waren. Natürlich wurde auch ab und zu ein Mönsterländer Körnken (Weizenkorn) auf die persisch-westfälische Freundschaft getrunken. Verstanden haben sich die beiden sehr unterschiedlichen Kulturen mit Händen, Füßen und viel Humor.

Als wir Herrn Kleingräber kennenlernten, arbeitete er für die Barmer Krankenkasse. Als Abteilungsleiter war er zuständig für ihre finanzielle Sicherheit. Bei seinen Mitarbeitern und Kollegen war Herr Kleingräber ausgesprochen beliebt. Und obwohl er seine Arbeit mit Freude verrichtete, ergriff er 1987 mit 58 Jahren eine neue Chance. Er hatte die Möglichkeit in den Vorruhestand zu treten und sich einer ganz großen Leidenschaft zu widmen.

Das Mühlenhof-Freilichtmuseum in Münster trat damals an ihn heran und bot ihm eine Stelle als Kiepenkerl. Er zögerte nicht lange und nahm die neue Herausforderung an. Von dem Zeitpunkt an führte er fast 30 Jahre lang Besucher aus nah und fern durch das westfälische Museumsdorf. Er erzählte Dönekes über die Menschen und ihr Leben vor über 100 Jahren und spielte alte westfälische Lieder auf dem Akkordeon. Zum Leidwesen seiner Frau war er auch an vielen Abenden auf Veranstaltungen als Kiepenkerl unterwegs. Enkelin Viktoria hingegen liebte diese Wochenenden. Denn sie durfte ihrer Oma Gesellschaft leisten und sich von ihr verwöhnen lassen.

2006 starb Hildegard Kleingräber nach längerer Krankheit. So traurig ihr Verlust für Josef Kleingräber war, so ließ er sich nie hängen. Seine Tätigkeit als Kiepenkerl führte er bis 2015 weiter. In seinem heiß geliebten Garten fand er ebenfalls Trost und innere Ruhe. Selbst heute noch, mit 88 Jahren, ist er täglich im Garten und verrichtet alle Arbeiten selbstständig. Auch schwingt er sich noch regelmäßig aufs Fahrrad und genießt auf seiner Leeze die schöne Münsterländer Parklandschaft. Inzwischen hat er jedoch sein altes Fahrrad gegen ein E-Bike eingetauscht. Wenn er nachmittags von einer Tour nach Hause kommt, so zeigt sein Tacho nicht selten auch mal 30 km an. Natürlich sind seine Töchter mit Ihren Familien in seiner Nähe und genießen die gemeinsamen Urlaube  mit dem Vater.

Auch die Enkelkinder wissen jede Sekunde mit ihrem Großvater zu schätzen. „Ich höre seine Geschichten immer wieder gerne, auch wenn ich sie schon kenne“, sagt Viktoria über Ihren Opa.

Herr Kleingräber ist ein sehr bescheidener und zufriedener Mensch voller Dankbarkeit für sein Leben. Für mich ist Herr Kleingräber ein Vorbild, jemand der immer noch jeden Moment seines Lebens genießt und stets seinem Herzen gefolgt ist.

Seine Tochter Gerlinde findet ihren Vater in einem Spruch von Jean Jacques Rousseau, wieder:

„Der höchste Genuss besteht in der Zufriedenheit mit sich selbst.“

Im folgenden Video trifft Herr Kleingräber als typisch mönsterländer Kiepenkerl auf Jalalledin. Die beiden trinken auf Ihre langjährige Freundschaft aus dem Zinnlöffel.

* Kiepenkerle waren umherziehende Händler, die mit ihrer Kiepe aus Korbgeflecht oder Holz zu Fuß durchs Münsterland zogen. Sie brachten Nahrungsmittel wie Eier, Milchprodukte und Geflügel in die Städte und versorgten im Gegenzug die Bauern mit Salz, Nachrichten und anderen Waren. Nicht selten wurde auch mal ein Paar über den Kiepenkerl verkuppelt. Die traditionelle Tracht des Kiepenkerls bestand aus seiner schwarzen Kappe, einer Pfeife, einem blauen Leinenkittel, einem Stock sowie Holzschuhen. Die  heutigen Kiepenkerle bringen Besuchern und Touristen der Stadt Münster ein Stück Kulturgut näher. Sie führen durch das Mühlenhofmuseum oder erzählen auf Veranstaltungen Dönekes von früher.

 

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