"Gelungene Integration" in Westfalen: Beispiel 1 - Isabel Lipthay

Isabel Lipthay, chilenische Autorin und leidenschaftliche Musikerin, mit 2 Wurzeln in 2 Stück Erde

Isabel Lipthay, chilenische Autorin und leidenschaftliche Musikerin, mit 2 Wurzeln in 2 Stück Erde

Beispiele "Gelungener Integration", werden seit Sarrazins Ausführungen händeringend gesucht. Da wir uns den Brückenschlag auf die Fahnen geschrieben haben, wollen wir uns an dieser Integrationsdebatte gerne beteiligen. In Münster leben 140 verschiedene Kulturen friedlich zusammen, so gibt es in unserer westfälischen Heimat natürlich eine Menge Beispiele gelungener Integration. Und einige von Ihnen freuen sich, an unserem Marktstand ein Stück Heimat, in Form von Trockenfrüchten und Nüssen aus ihrem Land, zu erleben. Ausgewählte Beispiele von Menschen aus anderen Kulturen, die in Münster ihre zweite Heimat gefunden haben, möchten wir Ihnen im Nussblog vorstellen, um neugierig zu machen auf Ihre Kultur, um aus Ihren Augen auf uns und unsere Heimat zu schauen.

Fragen an Isabel Lipthay aus Chile

Isabel, wo hast du deine Kindheit verbracht?

Meine Kindheit verbrachte ich in Puerto Varas, einem chilenischen Dorf mit vier Vulkanen und einem riesigen See. Dort wohnen viele Deutsche in der vierten Generation und es regnet genau so viel wie in Münster.

Was aus deiner Heimat vermisst du am meisten?

Ich vermisse meinen Vulkan, die Sonne, das Lachen der Menschen, die Freunde.

Welche Trockenfrüchte und Nüsse isst man in deiner Heimat?

Ich erinnere mich an Walnüsse, getrocknete Pfirsiche (haben wir leider noch nicht im Sortiment), Mandeln, verschiedene Rosinen und Kürbiskerne.

Wie isst man diese Trockenfrüchte und Nüsse?

Man knabbert sie einfach so oder verarbeitet sie als Getränk oder Kuchen. Ich erinnere mich an Mote con huesillos, ein eiskaltes erfrischendes Getränk aus Getreide, eingeweichten getrockneten Pfirsichen und gesüßtem Wasser oder einen köstlichen Walnusskuchen, Cujen de nuez. Mmm!!! Ich fühle immer noch den Geschmack auf der Zunge. (Gemeinsam haben Isabel und ich das Rezept des Walnusskuchens übersetzt. Sie finden es im im Shop unter Infos).

Rosinen sind fürs Gedächnis das Beste, vor Prüfungen waren sie immer besonders begehrt.

Isabels Walnusskuchen

Isabels Walnusskuchen

Was war dein erster Eindruck, als du in Westfalen eingetroffen bist?

Ich kam mir vor wie ein 30-jähriges Baby. Ich hörte nur Geräusche und produzierte selber auch nur Geräusche. Keiner konnte meine Geräusche entziffern.

In Chile lebte ich 10 Jahre Angst als Journalistin unter der Militärdiktatur Pinochets. Mein Beruf war lebensgefährlich und ich lebte, wie viele andere auch, in Haft. In Deutschland angekommen, erlebte ich Urlaub von der Angst. Eine kleine Anekdote von damals macht deutlich wie tief die Angst saß:

Es klingelte an meiner Wohnungstür in Münster. Ich öffnete die Tür. Dort stand ein Mann in schwarzer Uniform. Ich habe mich so erschrocken, dass ich die Tür sofort zuknallte. Der Mann klingelte ein zweites Mal. Es war der Schornsteinfeger.

Was war dein erster Eindruck von den Westfalen?

Sie umarmten, küssten und lachten nicht wie die Chilenen, obwohl es Mai war.

Wie siehst du die Westfalen heute?

Sie sind stur aber treu ;).

Ich habe hier etwas gelernt, was in meinem Land unvorstellbar ist:
Ja heißt wirklich ja und nein heißt nein.
Mit der Freundschaft geht es hier sehr langsam aber dafür geht die Freundschaft in die Tiefe.

Wie fühlst du dich heute in Münster?

Münster ist meine zweite Heimat. Ich liebe diese Stadt. Ich fotografiere sie. Ich sitze in Cafés und beobachte die Menschen, die Tiere, die Gebäude, die Veränderungen.

Ich liebe Münster,

weil Martin und ich hier als Contraviento (Gegenwind) Musiklesungen veranstalten,

weil Martin und ich, unsere Tochter Mariana, Verwandte und Freunde hier ein schönes Leben führen,

weil wir, mit dem Fahrrad unterwegs, ständig Bekannte treffen,

weil sich hier im Laufe der letzten Jahre eine starke lateinamerikanische Kulturlandschaft entwickelt hat.

weil in Münster über 140 Nationalitäten in Frieden zusammenleben.

weil es Menschen wie Euch gibt, Jalall, Du, Eure Kinder, die diese schöne gemischte harmonische Welt verkörpern.

Herzlichen Dank Isabel.


Ein Ausschnitt aus Isabels Gedicht „Seltsame Pflanzen“ (aus dem Buch „Seltsame Pflanzen und andere Lebensbilder (Curiosas Plantas)“) haben wir auf unsere Papiertüten für den Markt drucken lassen.

Die ausführliche Version gibts hier.

Isabel Lipthay wurde in Santiago de Chile geboren und verbrachte ihre Kindheit im Süden des Landes. Sie studierte Journalismus und Gesang und arbeitete im kulturellen Bereich für das Fernsehen, Radio und verschiedene Zeitschriften. Auf Grund der Militärdiktatur emigrierte sie 1983 nach Westfalen, wo sie bis heute lebt. In Münster arbeitet die Chilenin als Autorin, Sängerin und Spanischlehrerin. 1986 gründete sie gemeinsam mit Ihrem Lebensgefährten, dem Fast-Münsteraner Martin Firgau, das Duo Contraviento. Das Repertoire umfasst Stücke aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern, ergänzt durch eigene Kompositionen.

1997 bekam Isabel Lipthay den Ersten Preis der 2. Münsterschen Literaturmeisterschaft. Sie hat zweisprachige Bücher veröffentlicht (Erzählungen, Gedichte), die in mehrere Sprachen übersetzt worden sind. Isabel liebt es zu reisen, Literaturkongresse zu besuchen, Musiklesungen zu halten und gestalten - alleine oder mit Contraviento, vorzulesen und zu singen wie die Menschen leiden, lieben, leben. Hier und dort. Sie nimmt an dem Filmprojekt des kalifornischen Filmemachers Kerry Candaele teil. Ihr Buch Seltsame Pflanzen und andere Lebensbilder (Orig. Spanisch: Curiosas Plantas y otros sueños) erschien 1995 zweisprachig bei Unrast Verlag, Münster (2. Auflage, 1996). Im September 1998 erschien ihr zweites Buch ebenfalls zweisprachig: Die Begegnung (Spanisch: Aquel encuentro).

Mehr unter: www.contraviento.de

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