Die Katastrophe hat mir viele neue Möglichkeiten beschert

Helena in La Palma (Individuell)

Das Flüchtlingsthema ist in aller Munde. Es polarisiert. Halbwahrheiten kursieren. Ich bemerke große Ängste in meiner nächsten Umgebung. Ich kann einige der Ängste verstehen. Aber ich habe ein wenig Sorge, dass sich zunehmend Hass und Wut dazwischen mogelt. Die jetzige Situation ist für uns alle eine große Herausforderung, sowohl für unsere Politiker, als auch für die ganze Gesellschaft. Keiner liefert eine Patentlösung. Aber in einem scheinen sich die meisten Politiker in unserem Land noch einig zu sein. Menschen, die in Not sind, denen muss geholfen werden.

Das Problem scheint übermächtig, die Behörden sind überfordert, Menschen leiden. In solchen Situationen passieren oft kleine Wunder. Menschen tuen sich zusammen und helfen, verbringen Großartiges.

Dazu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen, die Hoffnung machen kann:

In Münster gab es am 28. Juli letzten Jahres ein furchtbares Unwetter. Viele Menschen verloren ihr Hab und Gut und auch eine Freundin von mir war schwer betroffen. Sie ist Künstlerin und hat durch die Überschwemmung einen Großteil verloren, eine ganze Etage stand komplett unter Wasser. Der Verlust bestand nicht nur in materiellen, wieder käuflichen Sachen, sondern auch in persönlichen, unwiederbringlichen Dingen, denn besonders das fast komplette künstlerische Lebenswerk war auf einen Schlag zerstört.  Auch der Schaden am Haus war immens. Sie war verzweifelt, weil ihre ganze Existenz auf einmal in Frage gestellt war.

Unwetter in Münster 2015 Unwetter in Münster 2015

In dem ganzen Chaos passierte dann aber etwas, das sie von Tag zu Tag mehr Zuversicht schöpfen ließ. Nachbarn und Freunde kamen und schleppten ganze Mahlzeiten und viele Geschenke an. Wildfremde Menschen standen immer wieder plötzlich im Haus und packten ungefragt mit an, schleppten ganze Berge von schlammigen, nassen Sachen nach draußen, entkernten die nassen Wände, reinigten alles vom Schlamm, denn durch den ungeheuren Wasserdruck waren sogar große Fenster geborsten, Zimmerdecken und selbst die Bodenfliesen  hatten sich abgelöst. Viele Helfer organisierten sich über Facebook und stellten in unermüdlichen Einsätzen Unglaubliches auf die Beine.

Der Notstand hat einige Wochen angehalten, aber meine Freundin hat in dieser Zeit durch die unglaubliche Welle von Hilfsbereitschaft eine neue Lebenseinstellung gewonnen. Sie konnte ihrer düsteren Geschichte sogar etwas Positives abgewinnen, weil sie aufgrund der Hilfsbereitschaft und Solidarität wieder lernte, an die Kraft der Gemeinschaft und an das Gute im Menschen zu glauben. Und mit der Zeit wendete sich das Blatt.

In einer schlaflosen Nacht, als sie etwa drei Wochen nach der Überflutung in ihrem ganzen furchtbaren Chaos dasaß, fand sie im Internet eine kleine Anzeige, die ihr in diesem Moment wie ein Geschenk des Himmels erschien. Auf der Insel La Palma wartete eine winzig kleine, uralte Finca zu einem unglaublich günstigen Preis auf einen neuen Mieter. Sie rief dort sofort an und mietete das Häuschen, ohne es vorher besichtigt zu haben. Einen Schnitt machen und das Negative erst mal hinter sich lassen, war dabei der ausschlaggebende Impuls.

Bald fand sie nette Leute, die sich sofort in den unbeschädigten Teil ihres Hauses und in den verwunschenen  Garten verliebten und einziehen wollten.  Ironie des Schicksals war, dass diese Mieter kurz vorher durch einen Wohnungsbrand in Münster ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten.

Helena Blick vom Haus

Etwa 4 Monate nach dem verheerenden Regen flog meine Freundin mit nur einem Koffer und mit ihrer Katze in ihre neue Heimat und hatte keine Ahnung, wie ihr neues Zuhause tatsächlich aussehen würde. Sie kannte die Insel nur von Ferienaufenthalten.

Aber das Glück war auf ihrer Seite. Ein zauberhaftes Steinhäuschen mit Blick auf Meer, die Berge und das nahegelegene bunte Dorf -  Idylle pur.

Jetzt lernt sie nicht nur Spanisch, sondern sie ist glücklich darüber, dass sie überhaupt so viel Neues lernen kann, die neue Kultur, neue Menschen, das neue Klima, die neue Natur. Das ist eine riesengroße Chance, sagt sie, sich selbst in seinem Leben noch mal neu zu begegnen. Routine und Gewohnheiten machen auf Dauer oft blind.

Höhle in La Palma (Individuell)

Als Künstlerin und Autorin für Sachbücher kann sie nun auf La Palma völlig neue Lebenserfahrungen machen. Das ist nicht immer leicht, sagt sie, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Die Finca ist zu klein zum künstlerischen arbeiten, aber in einer nahen uralten Felsenhöhle arbeitet sie nun mit Erdfarben, Lehm und Ton. Und die einzigartige Natur der Insel inspiriert sie zu neuen Büchern.

Sie sagt:

Die Katastrophe hat mir in meinem Leben viele neue Möglichkeiten beschert.

Übrigens ist meine Freundin auch ein ehemaliges Flüchtlingskind, 1958 aus Polen geflüchtet. Auch diesen Kulturwechsel sieht sie, abgesehen von dem Kulturschock in der Integrationsphase, in ihrem Leben als äußerst positive Veränderung an.

Über Facebook werde ich von ihr mit faszinierenden Fotos auf dem Laufenden gehalten. Viele würden sie heute beneiden, denn wer träumt nicht von einem Leben in einem warmen, exotischen Paradies. Kaum zu glauben, dass die Situation vor gut einem Jahr noch so schlimm und hoffnungslos erschien.

Fazit

Ich selber habe im Leben auch schon häufig erlebt, dass Probleme unlösbar schienen. Aber je mehr ich lernte, meine Angst loszulassen, desto häufiger passierten kleine, manchmal auch größere Wunder.

So glaube ich auch, dass die Flüchtlingssituation für uns alle eine Herausforderung ist, die sich zu etwas Gutem entwickeln kann, wenn wir unsere Ängste loslassen und unsere Energie in Schöpferisches fließen lassen. Beeindruckend ist die Vielzahl an Menschen, die bereit sind zu helfen. Neben all den Negativschlagzeilen existiert so viel positive Energie in unserer Gesellschaft. Es wäre so schön, wenn sich das Engagement bezahlt macht.

Tolles mutmachendes Projekt

In der Frankfurter Allgemeinen stand am 6.10. ein Interview mit Ranga Yogeshwar: Die Chance für ein besseres Miteinander.

Darin stellt er ein spannendes Projekt vor. Er plant ein Portal zur Vernetzung von Hilfsbedürftigen und Hilfsbereiten. Ein erster Prototyp mit eingeschränkter Funktionalität wird momentan in Hennef getestet, doch an vielen Stellen wird weiterentwickelt. An der Umsetzung arbeiten z.B.  die Telekom mit der Dresdener Initiative „ich helfe.jetzt“ zusammen. Darüber hinaus sind die Softwareentwickler von SAP beteiligt sowie ein halbes Dutzend kommerzieller Start-Ups.

Buchtipp

Und zu guter Letzt noch ein Link zu dem just erschienenen Buch meiner Freundin, der Künstlerin Helena Arendt.

Es ist ihr drittes Buch im Hauptverlag.

Ein Gedanke zu „Die Katastrophe hat mir viele neue Möglichkeiten beschert“

  • Elisabeth

    Schön, von dir zu hören, Helena. Und dass du in deiner neuen Heimat 'Fuß gefasst hast'.
    Liebe Grüße aus Bremen,
    Elisabeth

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