Azadeh Azimi - die, die Freiheit lebt

In meinem Nussblog schreibe ich gerne über Menschen, die mit dem, was sie tun andere berühren oder anderen Menschen Mut machen. Sie sollten etwas mit unserer Philosophie oder im weitesten Sinne mit unseren Produkten zu tun haben.

So eine Person lernte ich kürzlich durch eine sympathische Kundin kennen. Es handelt sich um die iranische Musikerin Azadeh Azimi,

die mit ihrem Chor Samat seit 13 Jahren Brücken schlägt und eine beeindruckende Lebensgeschichte zu erzählen hat.

Im Mai kommt die junge Künstlerin mit ihrem Chor auf Einladung zwei Berliner Chöre - des Kammerchors Sing!Sing! (in dem Chor singt auch die Kundin) und des Chors Lavoixmixte - nach Berlin.

Würden wir in Berlin wohnen, hätten wir dem Konzert mit Sicherheit beigewohnt. Nun, da wir es leider nicht schaffen, möchte ich es wenigstens weitertragen, denn eine derartige Gelegenheit ergibt es nicht häufig.

Mein Bericht stützt sich auf einen Artikel (Der mutige Klang der Stille, Februar 2012, Neue Chorzeit) der Journalistin Virginia Tutila, die den Iran bereist und die junge Musikerin interviewt hat.

Um Ihnen die Geschichte Azadeh Azimis verständlicher zu machen, würde ich gerne vorher kurz in die Geschichte der iranischen Musik eintauchen. Die persische Musik ist von zwei sehr widersprüchliche Kulturen geprägt. In vorislamischer Zeit war Musik sehr verbreitet und angesehen. Wandersänger erfreuten sich großer Beliebtheit und zur Zeit der Sassaniden waren musikalische Künste derart populär, dass ihre Namen zahlreich bis in die heutige Zeit überliefert wurden.

Mit der Islamisierung der Iraner nahm diese Entwicklung eine Wende. Tänze und damit auch Musik wurden und werden z.T. noch heute von der islamischen Geistlichkeit für unzüchtig gehalten. Nach dem 15. Jahrhundert erfuhr die musikalische Kultur in Iran einen Stillstand bis ins 20. Jahrhundert hinein. Islamische Geistliche bremsten die Weiterentwicklung. Entweder lebte Musik im privaten Raum weiter oder wurde im indischen Exil fortgeführt.  Besonders schwierig ist die Situation für Frauen.

Die aus Shiraz stammende Azadeh Azimi  ist 34 und leitet seit 13 Jahren einen iranischen Chor ganz besonderer Art. Ihre Musikgeschichte begann in den düsteren Zeiten des langjährigen Irak-Krieges. Musik war tabu. Doch eines Tages kam Licht in das Leben des musikalischen Kindes in Form eines alten Plattenspielers und einer Schallplattensammlung von Bekannten. Azadeh begann einen Traum zu träumen. „Das erste Stück, das ich gehört habe, war ein Choral von Bach … Ich war wie verzaubert! Tief in meinem Herzen wusste ich, dass ich nur noch eines will: selber Musik zu machen und den Anderen den Weg zur Musik öffnen.“

Aber das war weiß Gott nicht einfach. Im gesamten Iran bot sich keine Möglichkeit Musik zu studieren bzw. zu lernen. Es gab kein Internet, keine moderne Fachliteratur, und trotzdem verfolgte das junge Mädchen ihren Traum. Azadeh brachte sich die Musik aus alten Büchern bei. Erst als es möglich wurde, über Satellit deutsche und französische Sender zu empfangen, kam sie in den Genuss echter europäischer Orchestermusik.

Mit 16 erfüllte Azadeh sich einen langjährigen Wunsch. Ganz allein reiste sie nach Teheran und erstand dort von ihrem mühselig Ersparten ein Klavier. „Klavierunterricht habe ich nicht gehabt“, sagt sie, „aber als ich die Tasten berührt habe, wusste ich, wir waren in Kontakt. Die ersten Schritte auf dem Klavier waren Melodien, die ich im Kopf hörte und die ich auf den Tasten zu finden versuchte. So habe ich eigentlich angefangen zu komponieren.“

Als Kunststudentin kam die junge Frau auf die Idee mit anderen Studenten zu musizieren. Die Resonanz war groß und Azadeh glücklich. Aber kurze Zeit später drohte die Universitätsleitung mit der Exmatrikulation und so beschloss die mutige Studentin die Musik in den Untergrund zu verlegen. Vor 13 Jahren gründete sie schließlich den Samat-Chor.

 

Samat Choir - Fajr International Music Festival 2012 - Tehran, Iran from Samat Choir on Vimeo.

„Viele Menschen glauben, dass Musik nur Klang ist. Aber ich finde Musik ist Klang und Stille. Und weil ich alles, was mich glücklich macht, in der Stille gefunden habe, taufte ich den Chor, der eigentlich mein Kind ist, ‚Samat‘ (Stille)“.

Seit dieser Zeit arbeitet Azadeh hart, leistet Überzeugungsarbeit und probt regelmäßig mit Ihrem Chor ohne Ausnahme. Ihre Stücke sind gesanglich anspruchsvoll, die meisten bekannte Werke der Renaissance von des Prés, Allegri oder Janequin. Sie singen in sieben Sprachen und schreiben die Texte, wie sie sie hören („Shpatsiren volt ich rayten, der libsten for die tür“). Die 18 Mitglieder gehen den unterschiedlichsten Berufen nach. So singt z.B. eine Chemikerin neben einem IT-Fachmann oder einer Studentin. Azadeh selber ist als Graphik-Designerin tätig.

Die Zeiten haben sich inzwischen auch im Iran geändert. In Teheran gibt es eine Musikhochschule und auch in Shiraz wird das Fach Musik angeboten.

Der Samat-Chor gibt Konzerte in Waisenhäusern und Heimen. Einmal im Jahr tritt er in der stets ausverkauften großen Halle in Shiraz auf. Bereits drei Mal wurden Musiker aus Berlin eingeladen. „Das wollen wir unbedingt wiederholen“, sagt Azadeh, die seit einiger Zeit gerne in die deutsche Hauptstadt kommt, um zu lernen und sich mit Kollegen auszutauschen.

Eine besondere Wertschätzung wurde dem Ensemble 2012 beim Fajr International Music Festival in Teheran, mit dem ersten Preis als „Bester Chor im Iran“ entgegengebracht. Damit ging zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals der Preis an eine Frau und Dirigentin.

Azadehs großer Wunsch ist es, bei einem großen Chorfestival in Europa dabei zu sein und speziell für die Europäer iranische Volkslieder zu arrangieren.

 

Die Geschichte dieser jungen iranischen Musikerin hat mich tief berührt. Ich weiß aus eigener familiärer Erfahrung, wie schwer der Alltag für die Menschen im Iran ist - einen Job zu finden, eine Familie zu ernähren, geschweige denn den eigenen Traum zu leben. Insbesondere Frauen leiden unter diesen Umständen. Viele junge Menschen verlassen unter schwersten Umständen das Land, um in Freiheit leben und lernen zu können. Azadeh hat mit Ihrer unermüdlichen Ausdauer, Ihrem Selbstbewusstsein und Mut unter schwersten Umständen ihren Traum in ihrer Heimat verwirklicht und ist damit Vorbild für viele Menschen, nicht nur im Iran.

Azadehs Name bedeutet übrigens „die, die Freiheit lebt“.

 

Wer neugierig geworden ist auf Azadeh Azimi und ihren Samat-Chor, der kann das Ensemble am 10. und 11. Mai
in Berlin erleben.

Und für alle, die keine Zeit haben, aber finden, dass dieses tolle und positive Projekt unbedingt unterstützt werden sollte, gibt es die Möglichkeit sich mit einer Spende für Flug und Unterkunft des Samat Chores an dem Projekt zu beteiligen.

Nähere Infos dazu hier: http://www.lavoixmixte.de/projekt.htm

 

4 Gedanken zu „Azadeh Azimi - die, die Freiheit lebt“

  • Dadlani

    War heute im Konzert in Berlin . Wirklich berührend, ungewöhnlich und innovativ, sehr schöne Klänge und Stimm-Klnagfarben, viel Humor. Insgesamt wirklich fantastisch.

    Antworten
  • [...] im März schrieb ich auf Anfrage einer Kundin über den beeindruckenden Samat Chor aus Shiraz und seine charismatische Gründerin Azadeh Azimi. Im Mai fand ein Konzert des iranischen Chors in Berlin statt. Kurz nach dem Konzert bekam ich eine [...]

    Antworten
  • Dorothea Linnenbrink

    Ein Leser dieses Beitrags erlaubt mir seine Rückmeldung hier zu schreiben:

    "Hallo aus Berlin,
    Sie haben so schön über Azadeh und Ihren Chor geschrieben.
    Ich war bei beiden Konzerten und war sehr begeistert.
    Es gäbe sehr viel zu erzählen, aber ich will nur die Bilder sprechen lassen….
    Die Bilder sind aus Rheinsberg, ca. 1,5 std. entfernt von Berlin.
    Es gab bei beiden Konzerten „standing ovations“ vom gesamten Publikum.
    Wer dort war, wird diesen Chor mit Theater und Tanz-/Komikeinlagen nicht
    mehr vergessen.

    Ich würde mir wünschen, dass diese Gruppe als Botschafter für ein zwiespältiges
    Land noch viel positive Energie verbreiten kann.
    In diesem Sinne
    Viele Grüße
    Martin D.
    (Hobbymusiker)"

    Die mitgesendeten Bilder sind hier veröffentlicht:
    https://www.jalalldor.de/nussblog/reaktionen-auf-das-konzert-des-samat-chors-in-berlin/#more-2285

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